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Geschichte als Erleb­nis. Die kör­per­li­che Aneig­nung von Geschichte in der Moderne

Aktu­elle For­schun­gen zur Geschichts­kul­tur und zum „Erle­ben von Geschichte“ kon­zen­trie­ren sich vor allem dar­auf, wie his­to­ri­sche Vor­gänge im Nach­hin­ein (re-)konstruiert und gedeu­tet wer­den. Seit der Antike, aber ins­be­son­dere seit dem 20. Jahr­hun­dert, weist die „Geschichte als Erleb­nis“ jedoch noch eine andere Dimen­sion auf, die bis­her sel­ten ein­be­zo­gen wird: Men­schen par­ti­zi­pie­ren bewusst an Vor­gän­gen und Ereig­nis­sen, von denen sie situa­tiv anneh­men, dass sie eine his­to­ri­sche Rele­vanz haben wer­den. Diese Erwar­tung för­dert eine aktive Betei­li­gung, die wie­derum erst zu der ersehn­ten Geschichts­mäch­tig­keit führt. Das Ver­hal­ten, so eine wei­tere Hypo­these, knüpft häu­fig an Erfah­run­gen aus frü­he­ren his­to­ri­schen Situa­tio­nen an. Ereig­nisse wer­den schließ­lich so in Szene gesetzt, dass sie tra­die­rungs­wür­dig erschei­nen. Gerade im Medi­en­zeit­al­ter kommt es auf diese Weise zu einem spä­ter schwer hin­ter­geh­ba­ren „live broad­cas­ting of history“. Damit schrei­ben sich die Betei­lig­ten und Beob­ach­ter in die spä­tere Ver­gan­gen­heit ein und prä­gen so die spä­te­ren Deu­tun­gen mit.
Der Vor­trag dis­ku­tiert an aus­ge­wähl­ten Bei­spie­len diese Ver­bin­dung zwi­schen per­for­ma­ti­ven Prak­ti­ken im his­to­ri­schen Ereig­nis selbst und denen der spä­te­ren Geschichts­kul­tur. Der Begriff „doing history“ soll diese Ver­bin­dung fassen.

Frank Bösch (Potsdam)

 

Geden­ken auf den Schlacht­fel­dern des Ers­ten Weltkrieges

Der Vor­trag möchte nach­zeich­nen, wie in den ver­gan­ge­nen fast 100 Jah­ren auf und über den Schlacht­fel­dern des Ers­ten Welt­krie­ges Geschichte ver­mit­telt und erfah­ren wurde. Dabei lässt sich zei­gen, wel­che Spu­ren erhal­ten, wie Fried­höfe ange­legt und Museen kon­zi­piert wur­den. Was die Rei­sen­den emp­fun­den haben und wie der Besuch der ehe­ma­li­gen Schlacht­fel­der Geschichts­bil­der geprägt hat, ist hin­ge­gen deut­lich schwie­ri­ger zu ermes­sen. In dem Bei­trag sol­len die wesent­li­chen Linien der Umset­zung von Geschichte auf den Kriegs­schau­plät­zen des Ers­ten Welt­krie­ges nach­ge­zeich­net wer­den. Aktu­elle Ten­den­zen des ‚His­Tou­ris­mus‘ sowie offene For­schungs­fra­gen wer­den auf­ge­zeigt.
Seit dem Beginn der Kampf­hand­lun­gen im Spät­som­mer 1914 reis­ten Men­schen zu den Kriegs­schau­plät­zen. Das Inter­esse und die Über­zeu­gung, dass Objekte und die Orte selbst die Ereig­nisse authen­tisch ver­mit­teln kön­nen, hielt sich uner­schüt­ter­lich. Zugleich waren Berichte von den Kriegs­schau­plät­zen Teil einer immer umfas­sen­der wer­den­den Pro­pa­gan­da­schlacht. In der Zwi­schen­kriegs­zeit waren die ehe­ma­li­gen Kriegs­schau­plätze Orte der Trau­er­ar­beit, aber auch umkämpfte Regio­nen wider­strei­ten­der Erin­ne­rung – oft­mals poli­tisch instru­men­ta­li­siert.
Das erste Museum, das nach dem Zwei­ten Welt­krieg an der ehe­ma­li­gen West­front eröff­net wurde, war 1967 das Memo­rial von Fleury. Es insze­nierte die Schlacht in der vom Krieg noch sicht­bar zer­schun­de­nen Land­schaft als rein deutsch-französischen Kampf. Seit den 1990er Jah­ren machen Muse­ums­neu­grün­dun­gen an der Somme (His­to­rial de la Grande Guerre in Péronne), in Ypern (In Flan­ders Fields Museum) sowie in Meaux (Musée de la Grande Guerre), aber auch Museen an ande­ren Front­ab­schnit­ten dem Erin­ne­rungs­ort Ver­dun mas­siv Kon­kur­renz.
Die Muse­ums­grün­dun­gen sowie deren aktu­elle Neu­kon­zep­tio­nen spie­geln wider, dass die ehe­ma­li­gen Schlacht­fel­der attrak­tive Rei­se­ziele waren (und sind). Gleich­zei­tig wer­den die Museen gezielt in die Tou­ris­mus­kon­zepte der Regio­nen inte­griert. Wird auf die­sem Weg die Geschichte emo­tio­na­li­siert und von der Erkennt­nis ent­frem­det? Und, sind natio­nale Erin­ne­run­gen am Ende?

Susanne Brandt (Düsseldorf)

 

Vom Eigen­sinn der Erin­ne­rung: Doing history als emo­tio­nale Praxis

Die Aneig­nung ver­gan­ge­ner Wirk­lich­kei­ten als Geschichte fin­det im Modus der Ima­gi­na­tion und Nar­ra­tion statt. Im Zen­trum die­ser Prak­ti­ken steht das Sub­jekt, mit sei­nem Kör­per, dem ‚wis­sen­den Kör­per‘, in den sich Wahr­neh­mun­gen, Erin­ne­run­gen und die damit ver­bun­de­nen Emo­tio­nen ein­schrei­ben, ihn immer wie­der von neuem modu­lie­ren und prä­gen. Die­ser his­to­risch gewor­dene und wan­del­bare Kör­per ist jedoch nicht nur Medium der Ein­schrei­bung hab­itua­li­sier­ter Ver­hal­tens­wei­sen, Deu­tungs­mus­ter und Sinn­struk­tu­ren, son­dern auch Akteur im Pro­zess der aneig­nen­den Ver­in­ner­li­chung. Emo­tio­nen muss in die­sem Kör­per­kon­zept eine ent­schei­dende Bedeu­tung zuge­schrie­ben wer­den. Denn sie len­ken die Wahr­neh­mung, bestim­men die Inten­si­tät der Erin­ne­rung und prä­fi­gu­rie­ren damit die Begeg­nung mit Geschichte, die Vor­stel­lungs­bil­der von Geschichte und die Sinn­ge­bung im Modus der Nar­ra­tion. Diese Über­le­gun­gen ver­deut­li­chen, in wel­chem Grade ‚doing history‘ eine emo­tio­nale Pra­xis und wie sehr die Aneig­nung von ver­gan­ge­nen Wirk­lich­kei­ten vom je indi­vi­du­ell gepräg­ten wis­sen­den Kör­per abhän­gig ist.
Auf die­sen Über­le­gun­gen auf­bau­end wird im Vor­trag der Eigen­sinn der Erin­ne­rung mit Ange­bo­ten his­to­ri­scher Aneig­nung kon­fron­tiert, die ‚leben­dige Geschichte‘, Authen­ti­zi­tät und damit expli­zit emo­tio­na­les Erle­ben ver­spre­chen. Es wird gezeigt, wie sich in die­sem Zusam­men­spiel von Ange­bot und Nach­frage von Emo­tio­nen als ver­meint­li­chem Kata­ly­sa­tor in der Aneig­nung von Geschichte aktu­elle Prak­ti­ken der Geschichts­kul­tur verändern.

Juliane Brauer (Berlin)

 

Shades of Gray: vica­rious expe­ri­ence and the power of things in Ame­ri­can Civil War re-enactment

Among his­to­ri­cal ree­nac­tors, cos­tu­med hob­by­ists sta­ging ela­bo­rate batt­les and epi­so­des from the Ame­ri­can Civil War, ‘expe­ri­ence’ is king. This lec­ture deals with the relent­less quest among ree­nac­tors for the ulti­mate vica­rious expe­ri­ence – that is, the com­ing as close as pos­si­ble to ‘what it must have been like’ for real flesh-and-blood Civil War sol­diers – and with the ways in which this stri­ving is con­nec­ted to and depen­dent upon mate­rial objects or ensem­bles of objects.
The pre­sen­ta­tion, based on eth­no­gra­phic fiel­d­work in and around the ico­nic field of Get­tys­burg, in Penn­syl­va­nia, in 2010 and 2013, explo­res ree­nac­tors’ social and mate­rial aspi­ra­ti­ons as part of what his­to­rio­gra­pher Ewa Domanska has cal­led a ‘mate­rial her­me­neutics’. Their pri­vi­le­ging of expe­ri­ence and embo­di­ment is dis­cus­sed in rela­tion to ano­ther, dif­fe­rent moda­lity of acces­sing the past in Get­tys­burg, epi­to­mi­sed by the federal US Natio­nal Park Ser­vice and its so-called ‘batt­le­field reha­bi­li­ta­tion’ pro­gram revol­ving around a visual ‘cle­an­sing’ of the land­scape.
In the last part of the pre­sen­ta­tion, I dis­cuss the com­plex poli­ti­cal and ethi­cal aspects inherent in the res­ta­ging of spe­ci­fic his­to­ri­cal per­spec­tives and nar­ra­ti­ves, and the claims to authen­ti­city and aut­ho­rity inherent in them. The ‘power of things’ is also a power con­nec­ted to the mate­rial mani­fes­ta­tion of cer­tain claims and thus poten­ti­ally bar­ring what Ulrich Beck has cal­led ‘the truth of others’. What emer­ges, then, is a cau­tious call for a refle­xive and explo­ra­tive enga­ge­ment with ree­nact­ment and rela­ted per­for­ma­tive prac­tices, which ack­now­ledges their con­side­ra­ble power but also insists on the pos­si­bi­li­ties of alter­na­tive per­spec­tives and pasts.

Mads Daugb­jerg (Aarhus)

 

Wis­sens­zir­ku­la­tion auf dem Tem­pel­ho­fer Flugfeld

Das Paper basiert auf ers­ten Ergeb­nis­sen einer kul­tur­an­thro­po­lo­gi­schen For­schung zur Zir­ku­lie­rung von Wis­sen über die archäo­lo­gi­sche Aus­gra­bung der ehe­ma­li­gen Zwangs­ar­bei­ter­la­ger auf dem Tem­pel­ho­fer Flug­feld in Ber­lin. Die Ana­lyse folgt dabei den Wis­sens­be­stän­den, wie sie zwi­schen den Akteu­rIn­nen der Aus­gra­bung und ande­ren Wis­sen­schaft­le­rIn­nen, Poli­ti­ke­rIn­nen und Presse wie auch Anwoh­ne­rIn­nen und Besu­che­rIn­nen des Flug­felds zir­ku­lie­ren, und wie sie durch die Ein­bet­tung in neue Kon­texte gleich­zei­tig auch neue For­mate, Inhalte oder Bedeu­tun­gen erhal­ten. Dabei wird z. B. sicht­bar, wie die Lager-Geschichte und die gegen­wär­ti­gen Ver­su­che, die Geschichte des Flug­felds durch die Umbe­nen­nung in ‚Tem­pel­ho­fer Frei­heit‘ auf die Luft­brü­cke zu redu­zie­ren, mit­ein­an­der in Kon­flikt gera­ten, aber auch, wie sich Wis­sens­be­stände durch die Aus­gra­bung in die Nut­zung des Flug­felds als Frei­zeit­ge­lände ein­schrei­ben. Der Vor­trag folgt den ver­schie­de­nen Prä­sen­ta­ti­ons­for­ma­ten der Archäo­lo­gIn­nen und ande­rer Akteu­rIn­nen der Wis­sens­prä­sen­ta­tion und deren Rezep­tion durch ver­schie­dene gesell­schaft­li­che Grup­pen und beschreibt die per­for­ma­ti­ven Prak­ti­ken, die dabei sicht­bar werden.

Tonia Davi­do­vic (Kiel)

 

Aus der Rolle fal­len. Per­for­ma­tive Prak­ti­ken der Aneig­nung von Geschichte zwi­schen Kar­ne­val und Reenactment

Ama­teure, die per­for­ma­tive Prak­ti­ken wie Ver­klei­dung und Ver­kör­pe­rung als Form der Aneig­nung und Pro­duk­tion von Wis­sen über ihnen fremde Zei­ten oder Orte wäh­len, rufen häu­fig Belus­ti­gung oder gar Abwehr her­vor. Dies gilt auch für die Köl­ner Stämme, die ich im Rah­men einer eth­no­lo­gi­schen Feld­for­schung über meh­rere Jahre mit der Kamera beglei­tet habe. Ver­gleich­bar mit soge­nann­ten India­ner­hob­by­is­ten, stel­len die Köl­ner Stämme in ihrer Frei­zeit die his­to­ri­schen Lebens­wel­ten ‚frem­der‘ Völ­ker nach­ah­mend dar – haupt­säch­lich die Geschichte der Hun­nen und Mon­go­len. Mit rund 80 Mit­glieds­ver­ei­nen bil­den sie ein regio­na­les Netz­werk, das sich in so unter­schied­li­che Inter­es­sens­ge­biete wie his­to­ri­sches Ree­nact­ment, Ama­teu­reth­no­lo­gie und (Neo-)Schamanismus aus­dif­fe­ren­ziert. Beson­ders bemer­kens­wert ist jedoch ihre große Nähe zu den loka­len Tra­di­tio­nen des Kar­ne­vals. Diese wer­den in den Auf­füh­run­gen der Köl­ner Stämme mit den kul­tu­rel­len und reli­giö­sen Prak­ti­ken der Vor­bil­der ver­bun­den, trans­for­miert und mit neuen Bedeu­tun­gen ver­se­hen. Dabei ist die Frage, ob diese Ree­nact­ments eher spielerisch-karnevalesk oder um eine mög­lichst ‚authen­ti­sche‘ Rekon­struk­tion bemüht sein soll­ten, unter den Akteu­ren Gegen­stand per­ma­nen­ter Aus­hand­lungs­pro­zesse. In mei­nem Vor­trag möchte ich unter­su­chen, wie diese schein­bar wider­sprüch­li­chen Her­an­ge­hens­wei­sen in den Auf­füh­run­gen der Köl­ner Stämme gerade durch das ‚Aus der Rolle fal­len‘ in Ein­klang gebracht werden.

Anja Dreschke (Siegen)

 

Ver­gan­ge­nes spü­ren, schme­cken, rie­chen – Living-History als Inkor­po­rie­rung his­to­ri­schen Wissens

Living History zeich­net sich durch die Mög­lich­keit des unmit­tel­ba­ren Erfah­rens und Tuns aus. Der Geschmack selbst geba­cke­ner Kuchen, die Retro-Ästhetik frisch gepflück­ter Kir­schen in der papie­re­nen blau-weiß gepunk­te­ten Spitz­tüte oder der blu­mige Geruch hand­ge­fer­tig­ter Sei­fen ver­mit­teln ein ‚authen­ti­sches‘ Gefühl ‚wie frü­her‘. Durch das Schla­gen des Ham­mers auf dem Amboss kön­nen Zeit­rei­sende die kör­per­li­che Kraft­an­stren­gung des Schmie­dens selbst erpro­ben, und auch andere his­to­ri­sche Tech­ni­ken und Fer­tig­kei­ten, das Spin­nen oder Weben etwa, kön­nen ein­ge­übt wer­den.
Auf der Basis ver­schie­de­ner empi­ri­scher Stu­dien fragt der Vor­trag nach den Dimen­sio­nen des körperlich-sinnlichen Tuns im Kon­text der Living History als Aus­druck spät­mo­der­ner Sinn­ori­en­tie­rung. Das Ange­bot leiblich-sinnlicher Erfah­run­gen ver­bin­det den in Zeit­rei­sen eröff­ne­ten ‚Hand­lungs– und Erfah­rungs­raum‘ mit ande­ren spät­mo­der­nen Bewe­gun­gen des ‚Selber-Machens‘. Ver­schie­dene Medien die­nen ebenso der Wis­sens­ver­mitt­lung wie der Wer­bung und ästhe­ti­schen Insze­nie­rung. Living History und Do-it-yourself ste­hen für den Rück­griff auf ver­gan­ge­nes All­tags­wis­sen, das in spät­mo­der­nen Gesell­schaf­ten des glo­ba­len Nor­dens auf der Suche nach dem ‚guten Leben’ neu belebt und inkor­po­riert wird. Die Akteur/innen mixen das Wis­sen von Vor(Gestern) mit den Bedin­gun­gen, Sehn­süch­ten und offe­nen Fra­gen von Heute.

Michaela Fenske (Göttingen)

 

Geschichte als Erleb­nis: Dar­stel­lungs­for­men und ihre psy­cho­lo­gi­sche Verarbeitung

In die­sem Vor­trag wird der Frage nach­ge­gan­gen, inwie­weit Unter­hal­tung und Wis­sens­er­werb bei der Dar­stel­lung von Geschichte als Erleb­nis zusam­men gehen. Es wer­den ver­schie­dene unter­hal­tende Dar­stel­lungs­for­men von his­to­ri­schen Inhal­ten in Doku­men­tar­fil­men vor­ge­stellt: Geschich­ten erzäh­len, Emo­tio­na­li­sie­rung, Per­so­na­li­sie­rung und Per­so­ni­fi­zie­rung sowie Visua­li­sie­rung. Dabei wer­den psy­cho­lo­gi­sche Wirk­me­cha­nis­men die­ser Dar­stel­lungs­for­men erläu­tert und ihre Aus­wir­kun­gen auf das Erle­ben und den Wis­sens­er­werb der Rezi­pi­en­ten abge­lei­tet. So erfor­dert bei­spiels­weise die Prä­sen­ta­tion einer span­nen­den Geschichte nar­ra­tive Ver­ar­bei­tungs­stra­te­gien, bei denen die Rezi­pi­en­ten jedoch häu­fig keine kri­ti­sche, ana­ly­sie­rende Hal­tung ein­neh­men. Emo­tio­na­li­sie­run­gen, z. B. durch emo­tio­nale Bil­der oder Musik, kön­nen die Rezi­pi­en­ten auch über­for­dern und damit eben­falls von einer kri­ti­schen Refle­xion ablen­ken. Per­so­na­li­sie­run­gen und Per­so­ni­fi­zie­run­gen bin­den über ver­schie­dene psy­cho­lo­gi­sche Mecha­nis­men wie das Per­so­na­li­sie­rungs­prin­zip oder die para­so­ziale Inter­ak­tion die Rezi­pi­en­ten stär­ker an die prä­sen­tier­ten Inhalte. Visua­li­sie­run­gen rei­chen von der Dar­stel­lung rea­lis­ti­scher Befunde, über unsi­chere Inhalte bis hin zu ein­deu­tig erfun­de­nen Inhal­ten. Sie haben jedoch auch eine moti­vie­rende, bin­dende und ver­an­schau­li­chende Wir­kung. Außer­dem wer­den aktu­elle For­schungs­er­geb­nisse der Refe­ren­tin zur kogni­ti­ven Ver­ar­bei­tung von Geschich­ten, Per­so­na­li­sie­rung und Visua­li­sie­rung vorgestellt.

Manuela Gla­ser (Tübingen)

 

Spi­ri­tu­el­les Ree­nact­ment? Pra­xen und Legi­ti­ma­ti­ons­dis­kurse neo­pa­ga­ner Religiosität

Was geschieht, wenn sich Men­schen inner­halb der hoch­tech­ni­sier­ten All­tags­kul­tur in einer spät­mo­der­nen Gesell­schaft der ‚Wie­der­be­le­bung‘ archai­scher Rituale und der Aneig­nung ani­mis­ti­scher oder poly­the­is­ti­scher Welt­bil­der wid­men? Was bedeu­tet der dabei zu beob­ach­tende Rekurs auf mytho­lo­gi­sche, z. T. ver­al­tete his­to­rio­gra­fi­sche und viru­lent ideo­lo­gi­sche Wis­sens­be­stände für die Prak­ti­zie­ren­den sol­cher ‚natur­re­li­giö­ser‘ Glau­bens­for­men?
Sol­che Fra­ge­stel­lun­gen zum sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Ver­ständ­nis neo­pa­ga­ner Alter­na­tiv­re­li­gio­si­tät in Europa kul­mi­nie­ren in der Frage, ob oder inwie­fern es sich dabei (neben ande­rem) um eine Form von ‚spi­ri­tu­el­lem Ree­nact­ment‘ han­delt. Denn im Unter­schied zu den an einer Reinsze­nie­rung his­to­ri­scher Lebens­wel­ten aus­ge­rich­te­ten Living History/Reenactment-Gruppen besteht das Ziel neo­pa­ga­ner ‚Ritual­in­sze­nie­run­gen‘ nicht in einer öffent­li­chen Auf– und Vor­füh­rung (prä-)historischer Opfer­kulte und Initia­ti­ons­ri­ten für ein Publi­kum, son­dern hier steht die wech­sel­sei­tige Sta­bi­li­sie­rung reli­giö­ser Über­zeu­gun­gen für die Teil­neh­men­den im Mit­tel­punkt. Die Betrach­tung neo­pa­ge­ner Rituale als Aus­druck ‚spi­ri­tu­el­len Ree­nact­ments‘ eröff­net zugleich eine neue Per­spek­tive auf (sinnlich-erfahrungsbezogene) Aspekte ‚regu­lä­rer‘ Insze­nie­rungs­for­men von Geschichte: Die Sehn­sucht, sich über bestimmte (über­lie­ferte wie impro­vi­sierte) Pra­xis­for­men auf damit ver­bun­den gedachte Welt­sich­ten und Men­ta­li­tä­ten his­to­ri­scher Kul­tu­ren ein­zu­las­sen und den tem­po­rä­ren ‚Aus­stieg‘ aus der All­tags­kul­tur als spi­ri­tu­el­les Moment der Berei­che­rung per­sön­li­cher Lebens­füh­rung zu erfah­ren, tei­len viele Anhän­ger neo­pa­ga­ner Glau­bens­for­men mit Mit­glie­dern von Reenactment-Gruppen. Auf Grund die­ser ‚Wahl­ver­wandt­schaft‘ im sinnlich-ästhetisch-performativen Zugriff auf Geschichte las­sen sich die – durch­aus dif­fe­ren­ziert zu wür­di­gen­den – par­ti­el­len per­so­nel­len Über­schnei­dun­gen zwi­schen bei­den Lagern ange­mes­se­ner ver­ste­hen und reflek­tiert einordnen.

René Grün­der (Heidenheim)

 

Ree­nac­ting Get­tys­burg 1863–2013

Die kul­tu­relle Pra­xis des Ree­nact­ment von mili­tä­ri­schen Ope­ra­tio­nen im All­ge­mei­nen und des ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­kriegs im Beson­de­ren ist kein Phä­no­men, das erst in den sech­zi­ger Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts Aktua­li­tät gewann, wie län­ger ver­mu­tet wurde. Auf­bau­end auf Recher­chen von Gor­don L. Jones kann gezeigt wer­den, dass eine unge­bro­chene Linie von reenactment-ähnlichen dramatisch-performativen For­ma­ten über Erin­ne­rungs­fei­ern, Fest­auf­züge und His­to­ri­en­dra­men zu den Vete­ra­nen der Ereig­nisse selbst reicht. Die regel­mä­ßige Ver­jün­gung durch Rück­kehr an den Ort bzw. in die Zeit des größ­ten Aben­teu­ers ihres Lebens wird von den Vete­ra­nen schließ­lich in einer touch zone des ritu­el­len Kriegs­spiels wei­ter­ge­ge­ben, so dass es bis heute fünf Gene­ra­tio­nen Bür­ger­kriegs­ve­te­ra­nen gege­ben hat. Dabei ver­lau­fen die his­to­ri­schen Iso­mor­phien nicht gleich­mä­ßig und auch die Zei­ten­folge wird nicht zwin­gend in der Chrono-Logik der Jah­res­tage ein­ge­hal­ten – ‚vor­bei‘ war die Schlacht von Get­tys­burg spe­zi­ell in der ehe­ma­li­gen Kon­fö­de­ra­tion aber immer schon nur im strikt tem­po­ra­len Sinne, wie schon Wil­liam Faulk­ner in Intru­der in the Dust vermerkte.

Wolf­gang Hoch­bruck (Freiburg)

 

Vom Fund zur Figur. Urge­schichte im Doku­men­tar­for­mat seit 1970

Aus der gegen­wär­ti­gen Geschichts­kul­tur ist das For­mat der Event-Dokumentation nicht mehr weg­zu­den­ken. Zur Prime Time zie­hen diese abend­fül­len­den TV-Produktionen, schon seit­dem sich das Fern­se­hen als Mas­sen– und vor allem Leit­me­dium in den 1970er Jah­ren durch­setzte, Mil­lio­nen Zuschau­ende vor die Bild­schirme. Auch die Stein­zeit und ins­be­son­dere die Evo­lu­tion des Men­schen – vom frü­hes­ten Vor­fah­ren bis zur Neo­li­thi­schen Revo­lu­tion – ist in der Geschichte des Fern­se­hens zum Gegen­stand zahl­rei­cher, auf­wen­di­ger Pro­duk­tio­nen gewor­den.
Dass die fernste mensch­li­che Ver­gan­gen­heit in die­sem For­mat zum event­taug­li­chen Erleb­nis wird, liegt weni­ger an den Ein­bli­cken, die in die archäo­lo­gi­sche For­schung und deren Erkennt­nisse gewährt wer­den, son­dern viel­mehr an den auf­wen­dig rekon­stru­ier­ten, prä­his­to­ri­schen Lebens­wel­ten. Wäh­rend sich diese Reenactment-Sequenzen in den 1980er Jah­ren noch an der Bild­spra­che des Tier­films ori­en­tier­ten, wur­den sie zuneh­mend als fik­tio­nale Doku-Dramen vor einer prä­his­to­ri­schen Kulisse insze­niert. Diese geben schließ­lich – so die These – eher einen Ein­blick in die Vor­stel­lun­gen und Dis­kurse ihres Ent­ste­hungs­kon­texts als in das Leben der Stein­zeit, das trotz des Ein­sat­zes moderns­ter Tech­nik auf­grund der frag­men­ta­ri­schen Quel­len­lage eine terra inco­gnita blei­ben muss.
Im Zen­trum des Vor­trags ste­hen Reenactment-Szenen aus der über 40-jährigen Geschichte der Event-Dokumentationen mit urge­schicht­li­chem Inhalt. Diese wer­den sowohl vor dem Hin­ter­grund einer zuneh­mend kom­mer­zia­li­sier­ten Medi­en­land­schaft als auch im Hin­blick auf die Wech­sel­wir­kung zwi­schen Wis­sen­schaft und Fern­se­hen betrach­tet. Ziel ist es, His­to­tain­ment als his­to­ri­schen Pro­zess her­aus­zu­stel­len, der mit der Eta­blie­rung einer gleich­wohl wis­sens– wie erleb­nis­ori­en­tier­ten Gesell­schaft einhergeht.

Georg Koch (Potsdam)

 

Von ‚Bra­ve­he­art‘ zur Archiv­ar­beit: Die Wis­sens­kul­tur der Mit­tel­al­ter­szene als per­for­ma­tive Selbstermächtigung

Wer als Akteu­rIn im Kon­text der in viel­fäl­ti­gen For­men zu beob­ach­ten­den per­for­ma­ti­ven Mittelalter-Imaginationen nicht in den Ver­dacht des ‚Mittelalter-Campings‘ oder gar des ‚Gewand­säu­fers‘ gera­ten möchte, ist gut bera­ten, sich ein viel­fäl­ti­ges Wis­sen über ‚das Mit­tel­al­ter‘ anzu­eig­nen. Aus­ge­hend vom Grad einer (wie auch immer defi­nier­ten) ‚Authen­ti­zi­tät‘ sind unter den Akti­ven dann auch viel­fäl­tige Dis­tink­ti­ons­spiele zu beob­ach­ten. Aus­ge­hend von der Ana­lyse qua­li­ta­ti­ver Inter­views mit Akti­ven der Mit­tel­al­ter­szene unter­sucht der Bei­trag zunächst ein­mal den Umgang mit Quel­len im Span­nungs­feld (medial ver­mit­tel­ter) Popu­lär­kul­tur und legi­ti­mer (sensu Bour­dieu) aka­de­mi­scher Wis­sens­kon­struk­tion. Die hier zu beob­ach­tende per­for­ma­tive Eta­blie­rung einer Wis­sens­kul­tur wird dabei als Form einer von einer früh­mo­der­nen Epis­te­mo­lo­gie unter­leg­ten Selbst­er­mäch­ti­gung zum Wissen-Schaffen inter­pre­tiert, die den Kampf um die Macht im ‚Feld der Mit­tel­al­ter­deu­tun­gen‘ aufnimmt.

Sven Kom­mer (Aachen)

 

‚Re-enactment‘ als kul­tu­relle Pra­xis? Eine Nach­lese zur Nach­stel­lung der Völ­ker­schlacht an ihrem 200-jährigen Jubiläum

Nach­dem im Abstand von 200 Jah­ren die Völ­ker­schlacht bei Leip­zig in einem rie­si­gen Re-enactment mit nahezu 6000 Teil­neh­mern gefei­ert und diese Ver­an­stal­tung als archäo­lo­gi­sches Expe­ri­ment und als erleb­nis­ori­en­tierte Geschichts­ver­mitt­lung aus­ge­wie­sen wurde, besteht hin­rei­chend Anlass, die Nach­stel­lun­gen his­to­ri­scher Ereig­nisse in ihrem For­schungs­an­spruch wie auch in ihrer Ver­mitt­lungs­qua­li­tät zu unter­su­chen. Dabei zeigt sich, dass Nach­stel­lun­gen his­to­ri­scher Ereig­nisse einer­seits mit­hilfe per­for­ma­ti­ver Prak­ti­ken in re-konstruktiver Weise nach akri­bi­schen Vor­stu­dien For­schungs­ein­sich­ten ermög­li­chen und Lern­ef­fi­zi­enz stei­gern wie ande­rer­seits auch einen erheb­li­chen Show-Wert als Ver­an­stal­tun­gen der Ver­gnü­gungs– und Tou­ris­mus­in­dus­trie besit­zen kön­nen. Die Span­nung zwi­schen Rekon­struk­tion, Ver­an­schau­li­chung, expe­ri­men­tel­ler Erpro­bung, Spek­ta­kel und gewinn­träch­ti­gem Event soll auch vor dem Hin­ter­grund der Ansprü­che einer aus Ver­ei­nen und Unter­neh­mern beste­hen­den Re-enactment-Szene und der ent­spre­chen­den Skep­sis eines gro­ßen Teils der Geschichts­wis­sen­schaft erör­tert werden.

Eugen Kotte (Vechta)

 

Per Pedes in die Ger­ma­nia libera oder Zurück in die Vergangenheit

Im Som­mer 2013 fand anläss­lich des 1800-jährigen ‚Jubi­lä­ums‘ des 213 von Kai­ser Cara­calla durch­ge­führ­ten Ger­ma­ni­en­feld­zugs eine ‚Wie­der­ho­lung‘ die­ses uns in his­to­ri­schen Quel­len über­lie­fer­ten Ereig­nis­ses statt. Der römi­sche Kai­ser hatte sich damals mit sei­nen Trup­pen ‚über‘ den Limes zu einem mili­tä­ri­schen Prä­ven­tiv­schlag gegen ger­ma­ni­sche Stämme auf­ge­macht – diese Aktion dau­erte kaum mehr als etwa zwei Wochen. Der moderne 9-tägige ‚Feld­zug‘ des Jah­res 2013 wurde feder­füh­rend von der ‚Römer­gruppe‘ Nume­rus Brit­to­num initi­iert. Zusam­men mit ande­ren Inter­es­sier­ten machte sich die aus rund 25 Män­nern und Frauen beste­hende Gruppe auf den Weg, die wis­sen­schaft­lich rekon­stru­ierte Feld­zugs­stre­cke zwi­schen den Lime­sor­ten Aalen und Oster­bur­ken (ca. 140 Kilo­me­ter) in authen­ti­scher Aus­rüs­tung des 3. nach­christ­li­chen Jahr­hun­derts nach­zu­voll­zie­hen.
Im Zen­trum des Vor­trags ste­hen der Marsch und seine Teil­neh­mer, und damit die per­for­ma­ti­ven Akte und die leiblich-affektiven Erfah­run­gen. Die exem­pla­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung soll ver­deut­li­chen, dass die Beschäf­ti­gung mit Aspek­ten ‚his­to­ri­schen‘ Selbst­er­le­bens nicht ohne eine Dis­kus­sion kul­tur­wis­sen­schaft­li­cher Kon­zepte auskommt.

Ste­fa­nie Samida (Potsdam)

 

„Erle­ben Sie Geschichte haut­nah“: Inhalt und Nut­zung von Ver­gan­gen­heits­kon­struk­tio­nen im Computerspiel

Schon seit der Anfangs­zeit der Com­pu­ter­spiele mit his­to­ri­schen Inhal­ten zählt das Ver­spre­chen, über das Medium eine Reise in die Ver­gan­gen­heit zu unter­neh­men, zu den wich­ti­gen Eck­pfei­lern sei­ner Bewer­bung. Die Gro­ßen der Welt­ge­schichte zu tref­fen und mit ihnen in ihrer eige­nen Zeit zu inter­agie­ren, den Ablauf von his­to­ri­schen Ereig­nis­sen mit ver­fol­gen oder gar beein­flus­sen zu kön­nen, übt zwei­fel­los einen gewis­sen Reiz aus und hat die Popu­la­ri­tät der His­to­ri­en­spiele erhöht. Jüngste Groß­pro­duk­tio­nen schrei­ben es sich gar auf die Fah­nen, eine beson­dere Form des his­to­ri­schen Tou­ris­mus anzu­bie­ten. Spie­lende könn­ten in soge­nann­ten open world games voll und ganz ein „Erkun­dungs­ge­fühl“ aus­le­ben, ihre vor­geb­lich his­to­risch sorg­fäl­tig rekon­stru­ierte Spiel­welt wolle man ein­fach erkun­den (Ubi­soft Game Direc­tor Ashraf Ismail über Assassin’s Creed 4: Black Flag). Das Medium bringt damit etwas auf den Bild­schirm, was sich über den Ava­tar nach­spie­len, erle­ben lässt.
Der Vor­trag geht anhand aus­ge­wähl­ter Bei­spiele der Frage nach, was die Spiele jen­seits des Immer­si­ons­an­ge­bots als Spiel mit ‚Geschichte‘ machen. Was für eine Geschichte erzäh­len sie, was von ihr set­zen sie ins Bild und wie tun sie das, um Ver­gan­gen­heit zu einem „haut­na­hen Erleb­nis“ zu machen? Was ver­lan­gen sie von den Spie­len­den, für die vor dem Erle­ben erst der vir­tu­elle Cha­rak­ter des Medi­ums und der Kon­struk­ti­ons­cha­rak­ter der his­to­ri­schen Sze­ne­rie zu über­win­den ist?

Angela Schwarz (Siegen)

 

Living History, Archäo­lo­gie und NS-Propaganda: Der ‚Ger­ma­nen­zug‘ zur Sonn­wend­feier im Ber­li­ner Gru­ne­wald­sta­dion 1933

Wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus gin­gen Archäo­lo­gie als Wis­sen­schaft, archäo­lo­gi­sche Ver­mitt­lungs­ar­beit und poli­ti­sche Pro­pa­ganda eine denk­wür­dige Ver­bin­dung ein, für die es aus die­ser Zeit eine Viel­zahl an geschichts­kul­tu­rel­len Zeug­nis­sen gibt. Sie rei­chen von an die breite Öffent­lich­keit gerich­te­ten Fach­bü­chern über poli­tisch aus­ge­rich­tete Aus­stel­lun­gen bis hin zu Sam­mel­bil­dern und Jugend­bü­chern. For­men der Geschichts­dar­stel­lung, die wir heute als ‚Living History‘ bezeich­nen, sind aus dem ‚Drit­ten Reich‘ ins­be­son­dere für die Berei­che Film und Museum sowohl bekannt als auch inzwi­schen rela­tiv gut auf­ge­ar­bei­tet.
Im Zen­trum die­ses Vor­trags steht ein ‚Ger­ma­nen­zug‘, der 1933 von der NSDAP anläss­lich einer Sonn­wend­feier im Ber­li­ner Gru­ne­wald­sta­dion geplant wurde. Der – als Bei­trag in einer zeit­ge­nös­si­schen Fach­zeit­schrift publi­zierte – ‚Augen­zeu­gen­be­richt‘ eines an den Vor­be­rei­tun­gen betei­lig­ten Archäo­lo­gen kann uns heute als Aus­gangs­punkt die­nen, um die beson­de­ren Merk­male, die Aus­stat­tung, die Inten­tion und die Wir­kung eines sol­chen ‚Ger­ma­nen­zugs‘ zu rekon­stru­ie­ren: Mit hohem Authen­ti­zi­täts­an­spruch, zugleich aber ein­ge­bun­den in eine poli­tisch instru­men­ta­li­sierte Ger­ma­nen­ideo­lo­gie wur­den quasi sakra­li­sierte Ele­mente der ‚deut­schen‘ Ur– und Früh­ge­schichte zum insze­nier­ten Event.
Das selbst geschaf­fene Ergeb­nis berührte den ein­be­zo­ge­nen Wis­sen­schaft­ler emo­tio­nal, und er berich­tet über die Akteure, sie hät­ten sich in ihre Rolle letzt­lich „nicht nur hin­ein­ge­fun­den, son­dern auch hin­ein­ge­lebt“.
Durch den Ver­gleich mit ande­ren zeit­ge­nös­si­schen Dar­stel­lun­gen der insze­nier­ten The­men wird die Untrenn­bar­keit von Wis­sen­schaft, Poli­tik und Media­li­sie­rung von Geschichte im ‚Drit­ten Reich‘ deutlich.

Miriam Séné­cheau (Freiburg)

 

‚Ein­ge­at­mete Geschichts­träch­tig­keit‘. Kon­zepte des Erle­bens in der Geschichtskultur

Dass Gesche­hen und Geschichte(n) etwas mit­ein­an­der zu tun haben, scheint – allein schon sprach­lich – unüber­seh­bar zu sein. Dass aber das zur Geschichte Geron­nene und erzähl­bar Gewor­dene wie­der selbst ‚geschieht‘ (bes­ser: zu gesche­hen hat, um Evi­denz zu gewin­nen), scheint in einer von Dis­kurs und Ratio bestimm­ten Geschichts­auf­fas­sung schon weit weni­ger nahe­lie­gend. Und doch ist das Feld der Geschichts­kul­tur von mehr oder weni­ger impli­zi­ten Kon­zep­ten des Erle­bens durch­setzt – sie rei­chen von popu­lä­ren Annah­men über die ‚Geschichts­träch­tig­keit‘ von Orten und Din­gen bis zu ela­bo­rier­ten Theo­rien par­ti­zi­pa­ti­ver Geschichts­ver­mitt­lung in Museen und an his­to­ri­schen Stät­ten. Dabei sticht immer wie­der die Ver­wandt­schaft zwi­schen den Auf­fas­sun­gen des com­mon sense – von der sinn­li­chen Erfah­rung his­to­ri­scher Nähe – und den Ideen für die Ver­mitt­lung von Geschichts­wis­sen ins Auge.
Der Vor­trag unter­nimmt am Beginn einer inter­dis­zi­pli­nä­ren Aus­ein­an­der­set­zung mit ‚Geschichte als Erleb­nis‘ den Ver­such, Kon­zepte und Prak­ti­ken per­for­ma­ti­ver Geschichtsan­eig­nung mit­ein­an­der in Bezie­hung zu set­zen. Ent­lang von kur­so­risch dar­ge­stell­ten Fall­bei­spie­len, soll dabei ein beson­de­res Augen­merk auf das Ver­hält­nis unter­schied­li­cher Wis­sens­ord­nun­gen in die­sem hete­ro­ge­nen und viel­stim­mi­gen Feld gelegt wer­den – auf Bezie­hun­gen etwa zwi­schen Aka­de­mie, Medi­en­kul­tur und popu­lä­rer Pra­xis. Anders for­mu­liert: In wel­chem Ver­hält­nis ste­hen ‚Kom­pe­tenz und Per­form­anz‘ oder auch die bei­den Bedeu­tungs­di­men­sio­nen his­to­ri­scher Reprä­sen­ta­tion als Vor­stel­lung und Dar­stel­lung? Und was stellt sol­ches Wis­sen mit den Akteu­ren der Geschichts­kul­tur, ihren Erfah­run­gen und Epis­temi­ken an?

Bern­hard Tschofen (Zürich)

 

Füh­len mit Ötzi. Emo­tio­nale Stile des alpi­nen Wan­derns und Kon­struk­tio­nen prä­his­to­ri­scher Lebensrealitäten

Tou­ris­ti­sche Ange­bote in den Alpen rekur­rie­ren seit den 1990er Jah­ren zuneh­mend auf Geschichts­er­fah­run­gen an dafür auf­be­rei­te­ten Orten und Wegen. Damit eng ver­bun­den sind die bekann­ten Glücks­ver­spre­chen des Alpen­tou­ris­mus und die Erwar­tun­gen der dor­ti­gen Rei­sen­den an authen­ti­sche Natur-, Aben­teuer– und Selbst­er­fah­run­gen. Das Ver­hält­nis des tou­ris­ti­schen Umgangs mit die­sen Ange­bo­ten und hier gene­rier­ten Geschichts­kon­struk­tio­nen ist bis­lang uner­forscht geblie­ben.
Dem Kon­zept von „Emo­tio­na­len Sti­len“ (Gam­merl 2012) fol­gend, wer­den diese als ein Kon­glo­me­rat von Gefüh­len ver­stan­den, das sozial und kul­tu­rell geprägt ist und kon­text­ab­hän­gig wirk­sam wer­den kann. Das Paper stellt vor, wie sich die Per­form­an­zen emo­tio­na­ler Wan­der­stile mit den mate­ri­el­len Eigen­schaf­ten archäo­lo­gi­scher The­men­wege und den hier von den Wan­de­rern gene­rier­ten Geschichts­kon­struk­tio­nen arran­gie­ren. Der Vor­trag basiert auf einer in zeit­li­cher wie räum­li­cher Hin­sicht mobi­len Feld­for­schung mit Metho­den der Autoe­th­no­gra­fie und sen­so­ri­schen Eth­no­gra­fie. Die For­schungs­fra­gen rich­te­ten sich auf das Ver­hält­nis von Wan­der­prak­ti­ken an Heri­tage Sites und kon­kre­ten his­to­ri­schen Nar­ra­ti­ven sowie auf die Frage, inwie­weit das jewei­lige Erle­ben beste­hende Geschichts­kon­struk­tio­nen auf die Probe stellt. Das Paper soll zei­gen, wie diese tou­ris­ti­schen Erzäh­lun­gen vom stein­zeit­li­chen Leben in den Alpen mit alpi­nen Moti­ven ver­wo­ben sind und wie die Tou­ris­ten über einen län­ge­ren Zeit­raum ihre Erfah­run­gen mit Rück­sicht auf ihre emo­tio­na­len Stile ord­nen, zu Erin­ne­run­gen for­men oder hier­von aus­schlie­ßen. Hier­bei kann dar­ge­stellt wer­den, wie sich atmo­sphä­ri­sche Momente zu einem spe­zi­fi­schen Bild von der Ver­gan­gen­heit verdichten.

Sarah Will­ner (Tübingen)

 

His­tou­ris­mus: Tou­ris­ti­sche Mani­fes­ta­tio­nen und Erleb­nis­modi his­to­ri­scher Orte

Dem öko­no­mi­schen Teil­sys­tem Tou­ris­mus (‚Tou­ris­mus­in­dus­trie‘) ist es rela­tiv gleich­gül­tig, wie Kon­flikte um die Bedeu­tung als geschichts­kul­tu­rell rele­vant erach­te­ter Orte aus­ge­hen. Ihr geht es um Attrak­tio­nen. In wel­chen Moda­li­tä­ten his­to­ri­sche Orte auch gege­ben sein mögen, ihr Inter­esse liegt allein darin, sie syn­tag­ma­tisch in Markt­pro­dukte zu inte­grie­ren. Wenn­gleich sie – mit­hin para­si­tär – über his­to­ri­sche Orte als öko­no­mi­sche Res­sour­cen ver­fügt, so hält sie sich zugute, diese und auch andere his­to­ri­sche Arte­fakte zu ‚ret­ten‘ und ins Bewusst­sein des ‚Nor­mal­bür­gers‘ zu rücken. Inso­fern zählt sie, was die Geschichts­di­dak­tik mitt­ler­weile hono­riert, zur Geschichts­kul­tur.
Das Tou­ris­mus­sys­tem muss indes den Erwar­tun­gen der Nach­fra­ger nach­kom­men und keine Bei­träge zum Geschichts­be­wusst­sein lie­fern. Tou­ris­ten wol­len andern­orts etwas Ande­res als das all­täg­lich Gewohnte erfah­ren, und dies beinhal­tet die Erfah­rung von Kon­tin­genz: dass man selbst und die Welt auch anders sein könn­ten, als man selbst und die Welt fak­tisch sind. Inso­fern sind Frei­zeit­tou­ris­ten refle­xiv. Erwar­tun­gen bil­den und bin­den die Struk­tu­ren des Tou­ris­mus­sys­tems. Auf­grund sei­ner Struk­tur­re­ver­si­bi­li­tät kann es wan­deln­den Erwar­tun­gen nach­kom­men. So hat es sich seit der ‚Sat­tel­zeit‘ von der Ermög­li­chung enzy­klo­pä­di­scher, fak­ten­sam­meln­der, daten­ver­glei­chen­der und päd­ago­gi­scher Rei­sen auf Erleb­nis­rei­sen umge­stellt. Es ent­sprach damit den bis dato vor­herr­schen­den roman­ti­schen Erwar­tun­gen, die auf eine Kon­gru­enz von Sub­jekt und Objekt hin­aus­lau­fen. Indem die Dinge der Welt im leib­li­chen Erle­ben wahr­ge­nom­men (bewusst) wer­den, wird ein Genius loci in Erschei­nung gebracht, an dem sich Innen­welt und Außen­welt im Modus der Authen­ti­zi­tät, Ein­heit, Ganz­heit und stim­mi­gen Ord­nung ver­bin­den. His­to­ri­sche Orte lösen sol­che Wahr­neh­mun­gen aus. Dies impli­ziert umge­kehrt, dass diese Wahr­neh­mun­gen his­to­ri­sche Orte reprä­sen­tie­ren, mit­hin Wis­sen über die Welt und Mög­lich­kei­ten des Anders-Seins ver­mit­teln und ihnen über­dies Wertei­gen­schaf­ten zuordnen.

Karl­heinz Wöh­ler (Lüneburg)