Projekt

Das große Inter­esse der Öffent­lich­keit an der Ver­gan­gen­heit geht ein­her mit einem ‚Geschichts­boom‘, der in den letz­ten Jahr­zehn­ten allent­hal­ben fest­zu­stel­len war. Das bezeu­gen nicht nur gut besuchte his­to­ri­sche Aus­stel­lun­gen, son­dern auch ein wach­sen­der historisch-archäologischer Zeit­schrif­ten– und Fern­seh­markt. Die Ver­gan­gen­heit ist heute zwei­fel­los ein ‚Publi­kums­ren­ner‘; sie zeigt sich nicht mehr ‚ver­staubt‘, son­dern mul­ti­me­dial und inter­ak­tiv: zum Anfas­sen und Mit­ma­chen. Die dar­aus resul­tie­ren­den Span­nun­gen zwi­schen der wis­sen­schaft­li­chen For­schung und der öffent­li­chen Geschichts­ver­mitt­lung wur­den bis­lang zwar für die öffent­li­che Dar­stel­lung der Zeit­ge­schichte dis­ku­tiert. Dies über­sieht aber, dass in den letz­ten Jahr­zehn­ten auch für vor­mo­derne Epo­chen – zu nen­nen ist hier ganz beson­ders die Ur– und Früh­ge­schichte – ein erfolg­rei­cher kom­mer­zi­el­ler Markt und päd­ago­gisch ori­en­tier­ter Bereich ent­stan­den ist, der das Geschichts­in­ter­esse viel­fäl­tig weckt. Dies trift glei­cher­ma­ßen auf Frei­licht­mu­seen, auf his­to­ri­sche Stät­ten und Events, für TV-Dokumentationen und archäo­lo­gi­sche The­men­wan­de­run­gen (‚themed-walks‘) zu.

In die­sen als ‚Living History‘ bezeich­ne­ten popu­lä­ren Geschichts­re­prä­sen­ta­tio­nen und Geschichtsan­eig­nun­gen gibt es viel­fäl­tige Bezüge zur Wis­sen­schaft, die bis­lang jedoch nicht erforscht wur­den. Das von der Volks­wa­gen­Stif­tung geför­derte Pro­jekt „Living History: Ree­nac­ted Pre­history bet­ween Rese­arch and Popu­lar Per­for­mance“ nimmt sich am Bei­spiel der wenig beach­te­ten, aber öffent­lich sehr prä­sen­ten Ur– und Früh­ge­schichte der Pra­xis von Living History in inter­me­dia­ler Per­spek­tive an. Im Sinne eines weit­ge­fass­ten Kon­zepts von Living History, das sich neben dem his­to­ri­schen Rol­len­spiel in Frei­licht­mu­seen – den Live Acts – auch mit media­len Kon­struk­tio­nen von Geschichte in deut­schen und bri­ti­schen TV-Dokumentation – spe­zi­ell Nar­ra­ti­ven und Visua­li­sie­run­gen in Re-Enactment–Szenen – befasst, wid­men wir uns in die­sem Pro­jekt auch einer ande­ren Form par­ti­zi­pa­ti­ver und affek­t­o­ri­en­tier­ter Geschichts­kul­tur: den soge­nann­ten ‚the­med walks‘, his­to­ri­schen Wan­der­we­gen vom Stadt­rund­gang über den his­to­ri­schen Pil­ger­weg bis zur anspruchs­vol­len Tour ent­lang prä­his­to­ri­scher Sites.

In einer bun­des­weit wohl ein­ma­li­gen Koope­ra­tion von Prä­his­to­ri­scher Archäo­lo­gie, Zeit­ge­schichte und Empi­ri­scher Kulturwissenschaft/Volkskunde wird unter­sucht, wel­che Bezie­hung zwi­schen dem Anfang und dem Ende der Geschichte besteht. Denn gerade mit der Zivi­li­sa­ti­ons­kri­tik seit den 1970er Jah­ren – so die Aus­gangs­be­ob­ach­tung – setzte ein ver­stärk­tes Bedürf­nis ein, den vor­mo­der­nen All­tag nach­zu­er­le­ben und sinn­lich zu erfassen.

Die For­scher­gruppe ist inter­dis­zi­pli­när ange­legt und inte­griert Metho­den und Kennt­nisse der Archäo­lo­gie, der Zeit– und Medi­en­ge­schichte und der Empi­ri­schen Kulturwissenschaft/Volkskunde. Fol­gende Teil­pro­jekte sind vertreten:

Prof. Dr. Frank Bösch (Pro­jekt­lei­ter, ZZF Pots­dam), Georg Koch (ab 1.2.2012 wiss. Mit­ar­bei­ter, ZZF Pots­dam): Post­mo­derne Gegen­wel­ten? Insze­nie­rung der Ur– und Früh­ge­schichte im deut­schen und bri­ti­schen Fern­se­hen seit den 1970er Jahren.

Dr. Ste­fa­nie Samida (Topoi/FU Ber­lin, ab 1.10.2012 Pro­jekt­lei­te­rin ZZF Pots­dam): ‚Geschichte erle­ben‘ oder Die per­for­ma­tive Aneig­nung ver­gan­ge­ner Lebens­wel­ten in archäo­lo­gi­schen Frei­licht­mu­seen.

Prof. Dr. Bern­hard Tschofen (Pro­jekt­lei­ter, Uni­ver­si­tät Tübin­gen), Sarah Will­ner (seit 1.10.2011 wiss. Mit­ar­bei­te­rin, Uni­ver­si­tät Tübin­gen): The­men­wan­dern als Living History.